11. und 12. März 2012
Rote Fabrik Zürich
im Foyer der Aktionshalle

im Rahmen des "Halbwertszeit",
ein theamatisches Filmwochenende über die Atomkraft

77tagecamp
personen
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Der Bund, 1. 12. 2011

Weil man nie weiss

Von Christoph Lenz

Strassenblockaden, Demos, Protestcamp und erhitzte Debatten. Der Filmemacher Andreas Berger hat dem Atomsommer 2011 ein Denkmal gesetzt.

Die Szene ist umwerfend: Steht eine Frau, 17-jährig, umringt von Polizisten in Kampfmontur auf einem Berner Quartiersträsschen. Mit der einen Hand hält sie sich am Gitter der Sicherheitskräfte, mit der anderen drückt sie ihr Handy ans Ohr: «Ich stehe an vorderster Front, Paps», sagt sie. Und dann beschwichtigend: «Aber es passiert schon nichts.»

Sie heisst Steffi. Kurz nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima im März 2011 marschierte sie gemeinsam mit Anti-AKW-Demonstranten zur japanischen Botschaft in Bern, um den Opfern zu gedenken. Am Ziel wartete ein Polizeiaufgebot. Es kam zu brenzligen Augenblicken, aber nicht zur Eskalation. Oder nur zu einer Privaten: «Ich stehe an vorderster Front, Paps.»

Er lässt die Kamera laufen
Mit dabei war der Berner Filmemacher Andreas Berger. Jetzt schmunzelt Berger und greift nach seiner Kaffeetasse. Erst nachträglich habe er den Wert dieser Szene erkannt, sagt er. «In Momenten wie jenem lasse ich die Kamera einfach laufen. Man weiss nie im Voraus, was passieren wird.»
Ein schöner Satz. Genau darauf beruht letztlich nicht nur diese Sequenz, sondern Bergers ganzer neuer Dokumentarfilm. «77 Tage sind nicht genug» untersucht die Prozesse, die der Fukushima-Vorfall in Bern in Gang setzte – von spontanen Demos bis zum Protestcamp vor dem BKW-Hauptsitz, vom Wiederaufflammen der Atomdebatte bis zum atomkritischen Theaterstück. Beginnend wenige Tage nach der Katastrophe, begleitete Andreas Berger dieses Geschehen ganze zwei Monate lang minutiös mit seiner Kamera – ohne bestimmte Absicht, ohne Filmkonzept und auch ohne Mittel der Filmförderung. Einfach aus dokumentarischem Eifer. Oder: Weil man im Voraus nie weiss.

Erst Mitte Mai schlug Berger den Bewohnern des Anti-AKW-Camps vor, das gesammelte Material zu einem Dokumentarfilm zusammenzufügen. Bis im August folgten weitere Aufnahmen. Und heute, nur drei Monate nach dem letzten Drehtag, feiert «77 Tage sind nicht genug» bereits Premiere.

Ein alter Bekannter
Es ist natürlich keine Überraschung, dass Andreas Berger für dieses Werk verantwortlich zeichnet. Seit bald dreissig Jahren hat er seinen Radar auf den «linken» Rand der Stadt Bern gerichtet, auf Autonome und Alternative, auf politisch Bewegte und kreativ Begabte, auf Jugendzentren und Zeltstädte. «Berner Beben», sein 1990 erschienenes Werk zu den Jugendunruhen der Achtzigerjahre, ist bis heute ein faszinierendes Zeitdokument. Zuletzt hat Andreas Berger «Zaffaraya 3.0» veröffentlicht – eine Doku über die heutigen Bewohner des legendären «freien Landes» auf Berner Gemarkung.

«Die Opposition auf der Strasse ist der rote Faden in meinem Schaffen», sagt Berger trocken. Anzufügen wäre, dass der ehemalige «Bund»-Filmredaktor ein leidenschaftlicher Rechercheur ist. Und dass Berger, so sehr er sich der Gegenkultur verschrieben hat, sich nicht verführen lässt von ihrer Ästhetik. Vielmehr fasst er seine Filme in einen kühlen Realismus: spartanisch komponiert, weitgehend frei von Musik, Fotografie, Farbfiltern und sonstigen Kunstgriffen. Kurz: Andreas Berger ist tagein, tagaus auf der Jagd nach der Realität. Das muss reichen.

Und das tut es. «77 Tage sind nicht genug» beeindruckt nicht nur, weil Berger von allen wichtigen Ereignissen «Live-Footage» präsentieren kann. Sondern ebenso, weil es dem Film gelingt, anhand der Campbewohner die gesellschaftliche Breite der Anti-AKW-Bewegung 2011 aufzuzeigen. Da gibt es Tom Locher, einen Veteranen der linksautonomen Szene. Da gibt es aber auch den 60-jährigen Elektriker Ruedi Jungen aus dem Berner Oberland, der alles andere als militant ist, aber bei der Camp-Räumung dennoch in Konflikt kommt mit den Sicherheitskräften. Und da gibt es Steffi, die jener Generation angehört, die durch Fukushima politisiert wurde.

«Es ist kein Film für die Ewigkeit», sagt Berger. «Ich will zeigen: Das und das ist passiert im Frühling 2011, so und so ist es gelaufen. Und am Ende steht die Schlussforderung: Mühleberg abschalten, sofort.»

 

akw
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